Telefonat mit Grace

Zwei Tage später bekam ich einen Anruf. Die Nummer auf dem Display kannte ich nicht. Sie hatte die Vorwahl 21. Es war also ein Anruf aus Rio. Da es an einem ganz normalen Arbeitstag war, dachte ich, dass es sich um einen Baustellenanruf handelte.

   Es war mein neuer Kumpel Renato aus der Vila Isabel. Er fasste sich kurz. Ich sollte doch mal bei Grace anrufen, ihr ginge es schlecht.

   Ich war besorgt und wartete nicht lange. Am Telefon hörte ich eine vollkommen verheulte Stimme. Die sonst so fröhliche Grace war nicht wiederzuerkennen. Sie erzählte mir, dass sie starke Schmerzen in der Blinddarmgegend hätte. Das Telefongespräch lief in etwa so ab:

-    Oi Grace. Tudo bem?

-    Não.

-    Deine Stimme klingt anders. Was ist passiert?

-    Ich halte es nicht mehr aus vor Schmerzen. Ich kann nicht mehr tanzen und nicht mal mehr laufen. Ich habe Angst, dass mein Blinddarm platzt und ich zu einer Not-OP muss.

-    Vergiss doch das Tanzen mal für einen Moment. Warst du schon beim Arzt?

-    Nein.

-    Warum nicht?

-    Es geht nicht.

-    Warum nicht?

-    Ich habe die Krankenversicherung nicht bezahlt.

-    Warum nicht?

-    Ich habe kein Geld mehr.

-    Warum gehst du nicht in ein öffentliches Krankenhaus? Das kostet doch nichts.

-    Ach, mein Sohn … in die Sprechstunde komme ich vielleicht noch, aber wenn ich operiert werden muss, dann komme ich in die Warteschleife und es kann Wochen dauern, bis ich dran bin. Bis dahin wird sicherlich eine Not-OP notwendig sein. Ich habe Angst zu sterben …

-    Wie viel Geld hast du?

-    Nichts. Es reicht weder, um ein Schmerzmittel zu kaufen, noch den Bus ins Krankenhaus zu nehmen.

-    Scheiße.

-    Lemi, ich kann nichts machen. Um an Geld zu kommen, muss ich tanzen. Es geht aber nicht. Die Schmerzen sind zu stark …

-    Wie viel kostet denn deine Krankenversicherung?

-    84 R$.

-    Mann, warum sagst du das nicht gleich! Denkst du, ich lass dich wegen 84 R$ krepieren? Kannst du Bus fahren?

-    Nein, ich sagte doch schon, dass das Geld nicht mal für den Bus reicht.

-    Okay, ich bringe dir das Geld heute Abend.

-    Würdest du das wirklich machen, Lemi?

-    Warum nicht? Ich mache mir sonst vielleicht noch Vorwürfe, wenn dir etwas passiert und ich dir nicht geholfen hätte.

-    Ich schäme mich so …

-    Es ist nicht der Zeitpunkt, sich zu schämen. Halte durch ...

 

Kurze Denkpause

 

-    Ähm, ach ja ... wo wohnst du eigentlich?

-    In Niteroi.

-    Ja, ich weiß, aber wo?

-    In einer Favela ...

-    In welcher? Wie heißt sie?

-    Willst du etwa in die Favela kommen?

-    Ja, warum nicht? Bist du bekannt dort?

-    Ja.

-    Okay, dann werde ich am Eingang sagen, dass ich dich besuche, um dir eine Arznei zu bringen.

-    Mach die Scheinwerfer an deinem Auto an. Das ist „ihr“ Signal.

-    Okay. Sonst noch was?

-    Bring mir eine Schachtel Buscopan mit. Gegen die Schmerzen ...

-    Okay, kein Problem.

 

Kurze Zeit später saß ich im Auto und raste die Avenida Brasil in Richtung der Rio-Niteroi-Brücke runter. Nur nebenbei bemerkte ich den herrlichen Ausblick von der Brücke. Ich hatte andere Sorgen in diesem Moment. Ich musste die Straße finden, in der Grace wohnte, um das Schmerzmittel und das Geld für ihre Krankenversicherung bei ihr abgeben zu können.

   Wieder einmal half mir Google Maps. Ich fand ihre Straße und machte mir einen Ausdruck. Mit der Karte auf dem Lenkrad bog ich direkt von der BR 101 in eine Seitenstraße ab. Über eine Hauptstraße mit mehreren Ampelkreuzungen kam ich an die Stelle, an der ich nach links abbiegen musste. Ich sah es schon von Weitem. Hier begann die Favela. Obwohl das Tageslicht noch ausreichend war, schaltete ich das Licht an meinem Gol an. Es war niemand auf der Straße. Ich fuhr langsam in die Favela hinein. Ich spürte keinerlei Gefahr. Über ein paar verwinkelte Straßen kam ich langsam in die Nähe von Graces Zuhause. Ich musste nur noch einen Berg hoch und dann zweimal links abbiegen. Ich rief Grace vorsichtshalber noch einmal an und bat sie darum, dass sie jemanden auf die Straße schickte, der Ausblick nach einem grauen Gol halten sollte. Grace war überglücklich. Sie hatte wohl nicht so recht daran geglaubt, dass ich den weiten Weg von Sepetiba nach Niteroi auf mich nehmen würde. Ich konnte nur erwidern: „Wenn Lemi etwas sagt, dann macht er es auch.“

   Ich sah ein kleines Mädchen, das mir zuwinkte. Das musste jemand aus Graces Familie sein. Ich ließ die Scheibe herunter und sagte, dass ich zu Grace will. Sie sagte: „Ja, komm mit. Ich bring dich zu meiner Mama.“

   Grace hatte eine Tochter! Das hatte sie mir bisher verschwiegen. Und bei ihrem Körperbau hätte ich das auch nicht erwartet. Später erfuhr ich, dass es ihre jüngere Tochter war. Die ältere war schon 15. Ich staunte nicht schlecht. Das Schicksal hatte aber übel mit Grace gespielt. Zwei Monate nach der Geburt ihrer Tochter starb der Vater, mit dem sie glücklich verheiratet war. Er war zuckerkrank gewesen, ohne es zu wissen, und starb im Alter von 23 Jahren an Unterzucker.

   Endlich sah ich Grace. Ich konnte ihr nicht mal sagen, dass sie schlecht aussah, weil das bei ihrem extrem dunklen Farbton nicht wirklich auffiel. Sie nahm mich mit in ihre Hütte, wo auch ihre Mutter, ihre Schwester mit ihrem Namorado und ihre zwei Kinder wohnten. Alle begrüßten mich freundlich. Das Haus war eine typische Favela-Hütte. Außen unverputzt und irgendwie total verwinkelt und verbaut. Die Zimmer waren klein, aber immerhin war der Fußboden gefliest. Die Wände benötigten dringend einen Anstrich. Über der Toilette hing ein Zettel, dass die Klospülung nicht funktionierte, und beim Benutzen des Wasserhahns hatte ich ihn plötzlich in der Hand. In der Stube stand eine Billigschrankwand, sicherlich bei „Casas Bahia“ in vierundzwanzig Raten gekauft, außerdem ein Fernseher und ein Sofa. Natürlich lief gerade eine Novela.

   Ich sagte Grace, dass ich nicht lange bleiben wollte, da der Rückweg lang sei und ich sicherlich im dichten Berufsverkehr in Rio stecken bleiben würde. Ich holte das Geld raus und übergab es ihr unter der Bedingung, dass sie damit morgen früh wirklich ihre Krankenkasse bezahlen und anschließend sofort zum Arzt gehen musste. Sie versprach es mir hoch und heilig und bedankte sich tausendmal. Sie schwor mir, dass sie mir, wenn sie wieder tanzen könnte, alles zurückzahlen würde. Ich sagte: „Okay, das verhandeln wir später ...“

   Graces Mutter bot mir etwas zu essen an. Es gab Reis mit schwarzen Bohnen und gekochten Kartoffeln vermischt. Ich verzichtete, nicht weil ich solche Basiskost nicht mochte, sondern weil ich wirklich loswollte. Ich hoffe, dass sie mir das nicht übel nahm oder falsch auslegte. Als ich ins Auto stieg, sah ich dann auch noch Graces große Tochter. Sie war bildhübsch, machte einen aufgeweckten Eindruck und fragte mich sofort, ob ich der Namorado ihrer Mutter sei. Als ich verneinte, drehte sie sich zu ihrer Mutter und meinte fast traurig: „Schade, Mama.“ Ich lächelte in mich hinein und gab Gas.

 

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Fotos und Texte copyright by Matthias Bergmann