Samba in der Mangueira

Ich staunte, wie gut Rio ausgeschildert war. Selbst Favelas wie die Mangueira zu finden, war mit etwas Ortskenntnis recht einfach. Ich wusste, dass der Favela-Hügel der Mangueira gleich neben dem Maracanã-Stadion lag. Dort war ich bereits zweimal gewesen. Das erste Mal beim Ortsderby Fla-Flu und das zweite Mal wegen einer Dame namens Marta. Aber das war Vergangenheit.

   In der Nähe des Maracanã sah ich dann auch schon die Verkehrsschilder mit der Aufschrift „Mangueira“, denen ich bis zum Endziel folgte. Diesmal war ich bei meinem Favela-Ausflug in Begleitung. Nein, es waren nicht die Damen vom Baile-Funk, sondern mein schwedischer Baustellenkollege Jörgen, der dieses Wochenende mal etwas erleben wollte. Die „Feijoada da Mangueira“, so dachte ich mir, war sicherlich eine gute Gelegenheit dazu ...

   Die Hauptstraße vor der Sambaschule „Primeira Estação da Mangueira“ war aufgrund des Festes sehr belebt. Die selbst ernannten Parkeinweiser hatten alle Hände voll zu tun, um die zahlreichen Autos auf die eigentlich nicht vorhandenen Parkplätze einzuweisen und sich so ein Taschengeld zu verdienen. Auch für meinen VW Gol war eine Lücke zwischen zwei kleinen Bars vorhanden. Kaum aus dem Auto raus, waren wir mitten im Trubel. Aber wie sollte ich hier meine „Eintrittskarten“ wiederfinden? Keine Chance. Stattdessen sah ich jede Menge in Karnevalskostüme bekleidete graziöse und sehr dunkelhäutige Damen, die meine Blicke gleiten ließen. Die meines schwedischen Freundes Jörgen ebenfalls. Wir fühlten uns wohl und orderten bei einem der Straßenverkäufer erst mal eine Flasche Skol aus seiner Styroporbox. Es war wie auf dem Jahrmarkt. Sich in alle Richtungen bewegende bunte Menschenmassen waren unterwegs. Doch die Hauptrichtung war ganz klar: der Eingang zur Sambaschule. Wir einigten uns deshalb recht schnell darauf, das nächste Bier im uns noch unbekannten Inneren der Sambaschule zu trinken. Der Eintritt kostete immerhin 25 R$ und beinhaltete nicht nur die Feijoada, sondern auch noch ein T-Shirt, natürlich in den Farben der Mangueira: rosa-grün.

   Der riesige Sambapalast war bereits gut gefüllt. Die Logen waren mit den Namen der konkurrierenden Sambaschulen dekoriert. Genau dort waren auch einige Tänzer, Tänzerinnen und Mestres in den Farben und Kostümen ihrer Schulen. Ich erkannte die Salgueiro, Imperatriz und Vila Isabel. Auf der Bühne spielte bereits eine Band traditionellen Karnevalssamba und die Tanzfläche füllte sich zusehends. Dahinter hing eine riesige Fahne der Mangueira-Sambaschule, die den freien Blick auf den Favela-Hang verdeckte, was mich aber nicht weiter störte, da ich mir momentan keinen besseren Ort vorstellen konnte als diesen hier. Es war gerade mal 3 Uhr nachmittags und alle tranken Bier, tanzten und vergnügten sich. Jörgen war Feuer und Flamme von den Tänzerinnen und kippte sich ein Bier nach dem anderen rein. Ich tat es ihm gleich, immer wieder einen Blick in die Runde werfend, um die Ankunft meiner „drei Damen vom Baile“ nicht zu verpassen.

   Nachdem die Jungs auf der Bühne zum x-ten Mal den Samba des letzten Karnevals heruntergespielt hatten, betrat eine dicke, schwarze Frau mit einem langen Kleid die Bühne und scherzte mit den Bandolinspielern. Dem Sänger entriss sie das Mikrofon und als sie ihre Stimme erhob, wusste ich, wer sie war: Alcione. Sie sang vier ihrer bekanntesten Sambas und der Saal verwandelte sich in einen Kessel. Alle sangen ihre Lieder mit und tanzten leidenschaftlich Samba. Es war ein tolles Fest und die Feijoada, die serviert wurde, war so etwas von nebensächlich, wie man es sich kaum vorstellen konnte.

 

Doch plötzlich stand sie vor mir!

 

   Es war eine mir scheinbar unbekannte Schönheit im blau-weißen Karnevalskostüm der Sambaschule „Vila Isabel“. Der kurze Rock zeigte ihre perfekt geformten Beine und verriet etwas über den ebenso wundervollen Bumbum. Alles an ihr war durchtrainiert und ihr strahlend weißes Lächeln und ihr mit Glitzer besprühtes Antlitz ergänzten ihren graziösen Anblick. Ihre in dunkles Weinrot gefärbte Mähne war mit dem blau-weißen Federschmuck ihrer Sambaschule verknotet. Es war Grace ... die junge Frau, die ich vor einer Woche noch in hautengen Shorts und ärmellosem T-Shirt in der Bar vorm „Castelo das Pedras“ kennengelernt hatte. Sie hatte sich verwandelt und war einfach nur wunderschön. Ich musste mich beherrschen, sie nicht vor Freude zu umarmen.

   Sie nahm mir diese Entscheidung ab, umarmte mich und gab mir einen Kuss. Sie sagte voller Freude: „Lemi, das ist meine Welt. Ich werde dir alles zeigen!“ Doch die Freude dauerte nicht lange. Wir tranken gerade gemeinsam unser erstes Bier und plauderten etwas, da kam die Chefin der Tanzgruppe, der sie offenbar angehörte, und rief sie zu ihrem Auftritt. Ihre Schule sollte auf die Bühne kommen und im Weggehen rief sie mir noch zu, dass ich auch immer brav auf die Bühne schauen sollte ...

   Grace tanzte wie ein Feuerwerk. Man konnte meinen, ein Vulkan würde ausbrechen, so viel Energie wurde aus ihr frei. Ihre Tanzpartner waren zugegebenermaßen nicht weniger schlecht, sodass die ganze Show zu einem reinen Augenschmaus wurde. Da ich diesmal den Fotoapparat dabei hatte, schoss ich massig Fotos von den Tänzern. Unbewusst war immer wieder GRACE im Mittelpunkt. Sie sollte dies auch die ganze Nacht bleiben ...

   Graces Freundinnen, die ich nach dem Baile-Funk kennen gelernt hatte, waren übrigens auch dabei und kümmerten sich ganz fürsorglich um Jörgen. Ihm gefiel das sichtlich gut. Eine der beiden konnte sogar etwas Englisch, was die ganze Unterhaltung belebte. Jörgens schwedische Gefühlseisschicht taute in der Hitze des Karnevalsgetümmels. Er richtete immer wieder den nach oben gestreckten Daumen in meine Richtung. Ich wusste, er war in guten Händen.

   Nachdem Grace eine Weile auf der Bühne war, bekam ich unerwartet eine neue Begleitung. Es war Caroline, eine der drei „Funkeiras“, die wohl bei Jörgen nur zweite Wahl geblieben war. Sie bemerkte natürlich, dass ich auf Grace fixiert war, und witterte wohl ihre letzte Chance. Nach etwas Geschwätz und einem weiteren Bier fragte sie mich direkt: „Você vai ficar comigo hoje?“ Ich verstand den vollständigen Sinn ihrer Frage nicht ganz und bejahte relativ unbedacht, ohne groß nachzudenken. Sie machte plötzlich Freudensprünge und rief: „Ele vai ficar comigo ... ele vai ficar comigo ...!!!“ Erst als ich noch mal grübelte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatte mich soeben gefragt, ob ich diese Nacht mit ihr verbringen würde. Natürlich nicht tanzend, sondern „schlafend“ ...

   Ich machte mir trotz dieses Lapsus relativ wenig Gedanken, da ich wusste, dass Grace große Schwierigkeiten haben würde, mich in dem Getümmel wiederzufinden, und auch Caroline recht attraktiv war. Caroline war zwar mit ihrem relativ „gewöhnlichen“ Kleid, das eigentlich alles Interessante verbarg, um Meilen von Grace entfernt, aber was sollte es? Ich war ungeplant in eine Karnevalsparty gerutscht und das auch noch in toller Begleitung, die jetzt plötzlich Caroline statt Grace hieß. Innerlich musste ich aber zugeben, dass Grace ihren Namen „Grazie“ vom Kopf bis zum kleinen Zeh verdient hatte und bei einem fairen Wettbewerb sicherlich meine Nummer 1 unter den zur Auswahl stehenden Damen gewesen wäre.

   Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Gerade in dem Moment, als ich Caroline etwas ins Ohr flüsterte, klopfte mir jemand auf die Schulter. Mit wütendem Blick bat sie um „licença“ und stürmte auf ihre Freundin los. Es gab eine knallharte Diskussion und Caroline wurde klargemacht, dass Lemi bereits eine „dona“ hatte, welche Grace hieß und auch den ganzen Abend so heißen würde. Ich versuchte etwas abzuwiegeln und Caroline zu beschützen, doch dann wandte sich Grace zu mir und ich war dran. Ich bekam eine Kopfwäsche, wie ich sie selten erlebt hatte. „Kaum dreht man dir den Rücken zu, schon reißt du eine andere auf. Ihr Männer taugt nichts. Nicht mal ihr Gringos. Ihr seid doch alles Schweinehunde ...“

   Es war eine Schimpforgie, wie sie im Buche steht. Ich fragte mich, wo die Frau diese Energie hernahm. Sie kam gerade völlig schweißüberströmt von der Bühne und sollte eigentlich ausgelaugt sein. Doch keine Spur von Ermüdung. Der Vulkan kochte weiter in ihr.

   Ich musste ihr schwören, dass ich „meine Blicke nicht mehr kreisen lasse“ und lobte ihre Beleza (Schönheit) in allen Tönen. Langsam kehrte ihr Lächeln wieder in ihr Gesicht zurück. Grace zerrte mich jetzt mit in die VIP-Lounge ihrer Sambaschule, wo ich die Mestres und alle wichtigen und weniger wichtigen Leute der Sambaschule Vila Isabel kennenlernte. Grace gab einem der (recht kräftigen) Jungs Bescheid, dass er auf mich aufpassen und mir Bier verabreichen sollte. Dies gab es auf den Logenplätzen kostenlos! Grace musste noch einmal verschwinden, um sich umzuziehen. Diesmal ging sie kein Risiko ein! Lemi hatte kein Problem mit all diesen ungewohnten Abhandlungen und genoss den Blick auf den Tanzsaal von oben. Die verschiedenen Sambaschulen gaben nun lockere Tanzvorführungen mitten im Tanzsaal. Sogar Pärchen aus Kindern waren dabei. Unglaublich, wie man in Rio tanzte. Meine Augen wurden feucht. So etwas hatte ich in 15 Jahren Brasilien noch nicht gesehen. Grace, die an alledem schuld war, streifte sich eine Wand weiter gerade ihr Kostüm ab und warf sich ein völlig beinfreies Kleid über. Als ich sie mit dem Kleid vor mir stehen sah, blieb mir zum zweiten Mal am gleichen Abend die Spucke weg. Entweder war Grace einfach umwerfend schön oder Lemi schon besoffen. Als ich am nächsten Tag neben ihr aufwachte, wusste ich, dass es eine Mischung aus beidem war ...

   Die Zeit raste so an mir vorbei, dass ich nicht merkte, wie schnell die letzten fünf Stunden verstrichen waren. Wir mischten uns jetzt einfach unter das tanzende Volk und ließen uns vom Sambarhythmus treiben.

   Draußen war es schon lange dunkel, als wir die Sambaschule verließen. Das Fest war aber noch nicht zu Ende, auch wenn Ivo Meirelles, der Leiter der Sambaschule „Mangueira“, die Lichter in seinem Reich bereits ausgeknipst hatte.

   An den zahlreichen Bars auf der Hauptstraße vermischten sich nun die Partygäste mit den Favela-Bewohnern, zu denen sicherlich auch der eine oder andere Bandido gehörte. Der Musikstil änderte sich vom Samba zum favelatypischen Funk. Schnell fanden sich ein paar MCs, die die Stimmung über Karaoke-Mikrofone anheizten.

   Apropos Stimmung: Der Abend war sehr friedlich. Bis auf eine einzige Salve von drei bis vier Schüssen war es in dieser Nacht ruhig auf dem Mangueira-Hügel. Grace bestätigte mir, dass es an den Festtagen der Sambaschule eine Abmachung zwischen der Sambaschule und den Drogendealern gab. Zu den Verstrickungen der beiden Organisationen, über die schon reichlich in der Presse spekuliert wurde, habe ich keine konkreten Aussagen aus ihr herausbekommen. Sicherlich war dies auch nicht der geeignete Platz und Zeitpunkt für solche Gespräche. Ich konnte mir natürlich denken, dass es stille Vereinbarungen über die Abläufe innerhalb der Favela, die Finanzierung der Sambaschulen und die Reinwaschung von Drogengeldern gab. Aber all dies war in diesem Moment nicht von so großer Wichtigkeit, als dass mich das von der Teilnahme an einem solch wunderschönen Fest hätte abhalten können.

   Natürlich fragte ich Grace zu fortgeschrittener Stunde nach einem Baile-Funk in der Favela. Sie erzählte mir, dass es gleich drei davon entlang der auf den Morro führenden Hauptstraße gibt. Als sie meine auffordernden Blicke wahrnahm, lachte sie und klärte mich auf, dass hier samstags kein Baile-Tag wäre. Der ist am Freitag! Das war natürlich ein kleiner Rückschlag, aber vielleicht war es auch besser so, denn Lemi hatte schon leichte Schlagseite und solche Events wie ein Baile-Funk in der Mangueira wollte er natürlich mit allen sechs Sinnen wahrnehmen.

   Grace fragte mich (und natürlich meinen schwedischen Kumpel, der immer noch an unserer Seite war), ob wir nicht ein paar ihrer Freunde kennenlernen wollten. „Ja, warum eigentlich nicht ...“, war meine ziemlich heruntergespielte Antwort, denn natürlich brannte es mir unter den Nägeln, die Mangueira nicht nur zu streifen ...

   Wir spazierten also gemeinsam mit Grace und noch ein paar anderen Damen aus der Sambaschule in einem dicken Menschenstrom favelaeinwärts. Bilder vom „Morro do Papagaio“ wurden in meinen Gedanken wach. Sie war neben der Favela Rio das Pedras die einzige Favela, die ich bisher nachts betreten hatte. Die Hauptstraße, die kleinen Billard-Bars, die zahllosen Kneipen, der Friseursalon, der um jede Zeit offen war und dessen Friseur fast ohne Licht arbeiten konnte. Alles ähnelte sich. Erst als wir tiefer in die Favela eindrangen und offenbar in Graces Stammbar gelandet waren, sah ich etwas Unglaubliches. Einer der Männer spielte an seinem Revolver und hatte einen Granatengürtel um! Bisher hielt ich diese Schwerbewaffnetenszenarios immer für sehr vage und mochte dem nie so richtigen Glauben schenken, zumal ich in der Papagaio sehr selten mal einen Revolver zu sehen bekam.

   Grace nahm mich gleich zurück, als ich den Typen anstarrte. „Bleib cool, Lemi. Wir sind hier zum Trinken, Tanzen und Lachen. Solange wir genau das tun, krümmt uns hier keiner ein Haar.“

   Momentan war mir nicht so richtig zum Lachen zumute. Ich erinnerte mich an den Fahrstuhl zum Schafott. Der Typ mit dem Bombengürtel war dabei der Mann, der den Knopf drücken würde, um den Fahrstuhl nach unten zu befördern.

   Irgendwann verwickelte ich mich in Gespräche mit den Leuten an unserem Tisch, die natürlich wissen wollten, wie es dem Gringo auf der Feijoada-Party gefallen hatte. Ich konnte meine Begeisterung nicht verbergen. Auch mein Interesse für Favelas nicht.

   Eine der anwesenden Damen – sie war eine sehr hübsche, große Mulatta mit hervorragender Figur – lachte und meinte: „So einen wie dich haben wir auch hier in der Mangueira.“ Sie zückte sofort ihr Handy und rief jemanden an. Ein paar Minuten später erschien er. Er sah aus, als wäre er gerade aus einem Wikingerschiff ausgestiegen und begrüßte meinen Freund Jörgen in perfektem Schwedisch. Es war Sören. Er war super drauf und wohnte mit der eben noch von mir geschilderten Mulattin gemeinsam in der Mangueira. Sie sagte mir, sie seien seit zwei Monaten Namorados, würden aber vorläufig noch nicht ans Heiraten denken ...

   Sören und Jörgen waren nun im Konversationsrausch. Dieser Rausch wurde von etlichen Litern Bier begleitet und Jörgen war mittlerweile so besoffen, dass er nicht mehr geradeaus laufen konnte. Ich mischte mich manchmal in die Gespräche der beiden ein. Sören war ein intelligenter Kerl. Er sprach Englisch, Portugiesisch und sogar Deutsch. Er hatte schon auf der gleichen Baustelle wie ich im fast menschenlosen Nordschweden gearbeitet. Irgendwie konnte ich nach dieser Erfahrung verstehen, wieso er ausgerechnet in Brasilien hängen geblieben war. Wir lachten über unser gemeinsames Schicksal. Es floss immer mehr Bier und die Anwesenheit eines weiteren Pistoleiros, diesmal mit abgesägtem Karabiner, ließ uns fast gleichgültig ...

   Nachdem Jörgen kaum noch einen klaren Satz herausbekam, machte ich mir etwas Sorgen und dachte ans Aufbrechen. Grace verstand mich und legte keinerlei Veto ein. Ich kannte ihre Absichten in Sachen „Lemi“ bisher nicht genau, aber mittlerweile war sie mehr als eine „Eintrittskarte“ ins Reich der Favelas für mich geworden. Unsere Gespräche hatten sich vertieft und wir wussten nun beide schon einiges über das Leben des anderen. Grace war trotz ihres jungen Aussehens eine erfahrene Frau und kannte durch die Auftritte mit ihrer Sambaschule schon einige Länder dieser Welt. Als ich sie fragte, ob sie schon 18 wäre, erstarrte ich bei ihrer Antwort vor Unglauben: Sie war 33!

Ich habe einiges über ihr Schicksal und ihren Weg durch ein nicht einfaches, aber sicherlich buntes Leben erfahren. Auch ihre Religion, die ein Ableger vom Candomblé-Kult ist, offenbarte sie mir. Sie erklärte mir ihren eigenartigen Duft, der diesmal nicht der von billiger Seife war. Es war eine Art Salbung, die bei ihrem Kult vorgenommen wurde. Ich merkte, dass die Welt der Favelas und Baile-Funks, in die ich vorgehabt hatte einzudringen, noch lange nicht das Ende des Horizonts war. Grace war kompletter und bot mehr als nur Funk und Favela. Die Backsteinfassaden der Favelas verbargen mal wieder mehr, als man als Außenstehender erwartet hatte. Diese Erfahrung machte ich nun ebenfalls zum zweiten Mal. Beim ersten Mal waren es noch die Favela-Kids in Belo Horizonte, die mich mit ihrer natürlichen Intelligenz, Wissbegier und ihrem Talent beeindruckten. Sie waren aber Bestandteil eines Teufelskreises, aus dem es schwierig war, auszubrechen. Wer in Brasilien arm ist, sollte für immer arm bleiben. So lautete das Gesetz. Auch Grace war in diesem Kreis gefangen, hatte aber eine Chance bekommen. Sie tanzte bei der „Vila Isabel“ in der ersten Reihe und hatte somit auch außerhalb der Favela ein Gesicht bekommen. Vielleicht war es ihre Chance. Ich wusste, dass Grace dafür kämpfte.

 

Zurück zu unserer Tischrunde.

 

Grace machte mich darauf aufmerksam, dass Jörgen verschwunden war. Ohne Pause ergänzte sie in einem weiteren Satz, dass dies nicht gut sei! Ich erinnerte mich an den Beginn der Feijoada-Party. Jörgen tauschte vorsorglich mit mir seine Handynummer aus, da wir Bedenken hatten, uns am Ende der Party im Trubel wiederzufinden. Dies sollte nun sein Rettungsanker sein. Ich ließ seine schwedische Nummer klingeln, aber am anderen Ende meldete sich niemand. Ich versuchte es drei Mal, aber jedes Mal vergeblich. Jörgen war weg und es konnte alles Mögliche mit ihm passiert sein. Die wahrscheinlichste Theorie war natürlich, dass er irgendwo eingeschlafen war. In seinem Zustand war dies sicherlich auch die beste Lösung, aber hätte er dies nicht in unserer Bar tun können?

   Ich teilte Grace mit, dass ich ohne ihn nicht nach Recreio zurückfahren könnte. Wir beschlossen zu warten. Mittlerweile war es weit nach Mitternacht und kein Jörgen war in Sicht. Wiederum ließ ich sein Handy klingeln, aber Jörgens Stimme wollte einfach nicht erklingen.

   Mittlerweile begann es zu regnen. Der Regen wurde so stark, dass wir unsere Sitzplätze von der Straße ins recht enge Innere der Bar verlegen mussten. Ich saß jetzt „Haut an Haut“ – nein, nicht mit Grace, sondern – mit dem Pistoleiro! Ich ließ ein schüchternes „Oi, tudo bem!“ aus meinem Mund entgleiten. Er grinste mich nur an.

   Ich hatte Zweifel, dass Jörgen zu unserer Bar zurückfinden würde, da sie sich in einer der Nebengassen befand. Andererseits stand mein Gol auf der Hauptstraße unterhalb der Favela und vielleicht erinnerte er sich daran? Ich sprach mit Grace darüber. Zeitgleich begannen Sören und seine hübsche (und auch sehr sympathische) Freundin nach Jörgen zu suchen. Doch auch sie kehrten nach einer Weile nur mit leeren Händen zurück. Mir blieb nichts weiter übrig, als zum einzig möglichen Treffpunkt zu gehen, der Jörgen in seine vom Alkohol vernebelten Sinne hätte kommen können, und dort auf ihn zu warten. Wir hatten zwar einen Treffpunkt im Falle eines Verlorengehens ausgemacht, aber der war hinter den mittlerweile verschlossenen Türen des Sambapalasts und nützte uns nun nichts mehr. Es blieb also nur noch das Auto ...

   Grace fand meinen Vorschlag okay und so machten wir uns auf den Weg. Vorher zahlte ich die Rechnung in unserer Bar. Dann ging es durch den strömenden Regen in Richtung Favela-Ausgang. Mittlerweile hatten sich Bäche auf den Straßen der Favela gebildet und als wir am Auto ankamen, waren wir weit und breit die Einzigen auf der Straße. Auch die zahlreichen am Straßenrand parkenden Autos der Feijoada-Besucher waren weg. Mein Gol stand noch am alten Platz, allerdings ohne ein Lebenszeichen von Jörgen. Ich sagte zu Grace, dass ich mich einfach ins Auto setzen und auf Jörgen warten würde. Grace meinte aber, dass dies zu gefährlich sei und ich mit Sicherheit überfallen werden würde. Sie wehrte sich vehement dagegen, mich alleine am Auto zurückzulassen. Mir fiel plötzlich mein rosa-grünes Feijoada-T-Shirt ein.

   „Wenn ich das überstreife und mich ins Auto setze, wird mir doch sicher kein Mangueira-Bandit etwas tun?“

   Grace lachte nur schelmisch und staunte über meine Blauäugigkeit: „Mein Freund, du weißt nicht, wo du bist! Rate mal, warum die Jungs mit den schweren Waffen hier patrouillieren? Der Alemão (Feind) kann hier jederzeit auftauchen und dann sitzt du mitten im Kreuzfeuer.“

   Sie hatte vollkommen recht, aber was hatte ich schon für Alternativen? Auch Grace merkte, dass ich meinen Kopf versuchte durchzusetzen. Sie entschied sich, mit mir im Auto zu bleiben. Sie meinte, es wäre zwar nicht viel sicherer, aber zumindest plagte sie so das schlechte Gewissen nicht mehr. Ich saß also auf dem Fahrersitz und Grace neben mir. Wir kurbelten die Sitze in ihre Liegeposition und schliefen beide unter der nachlassenden Wirkung des Alkohols ein.

   Ich befand mich mitten in einer Bürgerkriegszone und hatte nur zwei Dinge, die meine Sicherheitslage verbesserten: Grace und mein Mangueira-T-Shirt. Zugegebenermaßen war das nicht viel, aber in dieser Nacht war es ausreichend. Als es bereits zu dämmern begann, klopfte es an die Fensterscheibe. Ich war sofort putzmunter. Es war Jörgen. Er sah echt scheiße aus, aber es ging ihm der Situation entsprechend gut. Und ich hatte meine erste Nacht mit Grace verbracht ...

 

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Fotos und Texte copyright by Matthias Bergmann