Showdown

Als ich am Folgetag kurz vor 11 Uhr Recreio verließ, fühlte ich mich erstaunlich fit. Ich hatte natürlich trotz Graces Anraten nicht vorher geschlafen, was aus meiner Sicht auch Blödsinn gewesen wäre, denn die Gefahr, dass ich um diese Zeit nicht wieder aufwache, war viel zu groß.

   Die Suche nach dem Sambaschuppen war eine Katastrophe. Ich fand zwar recht leicht die richtige Abfahrt von der Linha Amarela und die Avenida Dias da Cruz, doch bevor ich das Restaurant Parmé fand, irrte ich über Einbahnstraßen durch den Stadtteil Meier. Als ich ein paar Jungs auf der Straße Fußball spielen sah, wusste ich, dass es gefährlich wurde. Um diese Zeit spielt man nur noch in Favelas auf der Straße Fußball. Die Straße stieg steil vor mir an und wurde immer enger. Plötzlich endete der Asphalt und ich stand mit meinem Gol vor einer Treppe. Oberhalb der Treppe sah ich die schwache Beleuchtung und die Backsteinhüttensilhouetten einer Favela. Im Prinzip gab es kein Vor und Zurück, denn vor mir war die Straße zu Ende und die Straße, die ich gerade emporkam, war eine Einbahnstraße. Als ich trotzdem anfing zu wenden, sah ich zwei Typen die Treppe herunterkommen. Ich wurde jetzt etwas hektischer und schaffte es, trotz der Enge der Straße in drei Zügen zu wenden. Als ich Vollgas gab, hörte ich es knallen. Es waren Schüsse. Die Jungs, die soeben noch Fußball spielten, sprangen vor mir von der Straße, als sie meinen Gol anrauschen sahen. Wieder knallte ein Schuss. Ich duckte mich automatisch runter und spürte einen Einschlag. Zuerst dachte ich, dass die Kofferraumklappe getroffen wurde, doch dann bemerkte ich das Flattern am rechten Hinterreifen. Die Kugel hatte den Reifen durchbohrt und auf die Felge aufgeschlagen. Instinktiv fuhr ich weiter. Ich wusste, dass ich aus der Gefahrenzone herausmusste, und zermalmte nun Reifen und Felge. Innerhalb von wenigen Sekunden kam ich wieder in einem „normalen“ Wohnviertel an und suchte nun nach einer Tankstelle oder einem anderen gut beleuchteten Platz. Als ich die Avenida Dias da Cruz von Weitem sah, atmete ich auf. Ich stoppte an der nächsten Tankstelle und begutachtete den Schaden an meinem Hinterrad. Ich blieb ruhig und besonnen und zog in circa 15 Minuten das Ersatzrad auf. Ich bemerkte dabei komischerweise keinerlei Zittern in meinen Händen. Lediglich meine Gedanken waren etwas verwirrt.

   Ich nutzte die Pause an der Tankstelle, um nach dem richtigen Weg zu fragen. 10 Minuten später stand ich vor der Sambaschule, die den Ausdruck „Schuppen“ mehr als verdiente. Als ich eintrat, hatte ich das Gefühl, unter den Kumpels von den Typen zu sein, die eben noch auf mich geschossen hatten. Wahrscheinlich waren das die ersten Nachwirkungen von dem noch nicht ganz verdauten Treffen mit den Traficantes am Favela-Eingang.

 

Ich suchte nach Grace.

   Als ich sie sah, wusste ich, dass es ihr schlecht ging. Sie hing in ihrer Tanzbekleidung in einem der roten Plastikstühle. Sie stützte den Kopf auf ihrer Hand ab. Neben ihr stand ein halb leeres Whiskeyglas ...

   Eigentlich dachte ich, dass ich zu spät gekommen war und Grace ihre Tanzvorstellung schon hinter sich hatte. Sie wartete aber noch auf ihren Auftritt und meinte ihre Schmerzen mit Tabletten und Alkohol abtöten zu müssen. Ich fragte sie:

 

-    Grace, kannst du überhaupt noch tanzen in deinem Zustand?

-    Welcher Zustand? Ich trinke immer, bevor ich tanze.

-    Mit deinen hohen Absätzen fliegst du doch da auf die Fresse.

-    Hiiieee ... mach dir da mal keine Sorgen.

-    Und wie sieht’s aus mit den Schmerzen?

-    Momentan spüre ich nichts.

-    Wann geht’s los?

-    Ich denke, in ein paar Minuten.

-    Okay, ich warte so lange und gehe ein Bier trinken.

-    Bring mir eins mit.

-    Okay.

 

Als ich von der Theke des Tanzschuppens zurückkam, saß Grace schon nicht mehr auf dem roten Plastikstuhl. Ich setzte mich auf ihren Platz und wartete auf ihren Auftritt. Und schon ging’s los.

   Zuerst spielte eine kleine Bateria und später kamen die Tänzerinnen hinzu. Grace tanzte wie immer und das hieß hervorragend! Ihre ausladenden Tanzbewegungen waren einfach klasse und wenn sie in den Hochgeschwindigkeitssambaschritt fiel, straffte sich ihre Muskulatur und die Weichteile fingen an zu wippen. Einzig und allein ihr Gesichtsausdruck war diesmal anders. Ihr breites, strahlendes Lächeln war wie weggeblasen und wurde durch einen ernsten und konzentrierten Blick ersetzt. Obwohl sie wieder extrem hochhackige Schuhe trug, war von ihrem angetrunkenen Zustand absolut nichts zu merken. Nach 20 Minuten und einer kurzen Zugabe war der Spuk zu Ende. Grace war nicht zusammengebrochen, wie ich es vermutet hatte, aber sie war diesmal anders. Aber wie konnte sie in ihrem Zustand auch normal sein?

   Fünf Minuten später kam Grace fertig umgezogen in einem gelben Kleid zu mir an den Tisch. Ich wollte ihr gerade ein Lob aussprechen, doch sie unterbrach mich grob und sagte: „Mach deinen Mund zu ... vamos!“

   Ich ließ mich nicht betteln und ein paar Minuten später waren wir auch schon auf der Linha Amarela in Richtung der Rio-Niteroi-Brücke. Die ganze Fahrt verlief schweigsam. Ich wusste, dass Grace Schmerzen hatte, sagte aber nichts. In weniger als 40 Minuten trafen wir auf ihrem Favela-Hügel ein. Wieder befand sich kein Mensch auf der Straße. Grace packte ihre Tasche, stieg aus dem Auto aus und sagte: „Lemi, ich habe noch nie jemanden so gemocht wie dich“, und drückte mir einen Kuss auf die Backe. Unter dem Eindruck dieses überraschenden Geständnisses rollte ich mit meinem Gol aus der Favela und nahm automatisch den Weg zur Brücke über die Linha Amarela zurück nach Recreio.

   In meinem Autoradio lief gerade der Song von Udo Lindenberg „Stark wie zwei“.

 

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Fotos und Texte copyright by Matthias Bergmann