Mit Grace an der Copacabana

Als ich an der vereinbarten Straßenecke ankam, traute ich meinen Augen nicht. Das war nicht die Grace, die ich zuletzt in der drittklassigen Sambaschule halb besoffen rumhängen sah. Ihre Aura hätte man über Kilometerentfernung wahrnehmen müssen, so wie sie da stand. Sie sah einfach blendend aus. Ihre innere Reinigungsprozedur hatte sich gelohnt. Außen war sie, trotz der weißen Salbungen durch ihre Mãe Santa, noch genau so schwarz wie vorher. Das Einölen ihrer Beine und Arme bekräftigte diesen schwarzen Farbton sogar noch etwas.

   Außerdem hatte sie neues Haar – es war viel dichter und länger. Sie trug es diesmal hochgesteckt. Im Gesicht hatte sie reichlich Rouge und Glitter aufgetragen. Ihre Augenlider hatte sie diesmal mehrfarbig geschminkt ... passend zu ihrer Kleidung. Sie trug ein hautenges Minikleid, darunter einen BH in den Farben der Vila Isabel. Er war bunt bestickt und der obere Teil des BHs war durch den knappen Schnitt des Kleides frei sichtbar. Alles, was sich unterhalb befand, war einfach nur ein Spektakel: ihre schmalen Hüften, der typisch afrikanisch gewölbte Arsch, die durchtrainierten Beine und natürlich wieder ein Paar unglaublich hochhackiger Schuhe, die selbst Grace auf dem ungleichmäßigen Kopfsteinpflaster der Copacabana Schwierigkeiten bereiteten, um nichts von ihrer Eleganz zu verlieren.

   Was mir bei diesem Anblick etwas Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass wir uns auf Nuttenterrain befanden und eine extrem hohe Gefahr der Verwechslung bestand. Die Copa ist wohl einer der längsten Straßenstriche der Welt und wird ab 11 Uhr abends von Nutten und Zuhältern dominiert. Einzig und alleine die fehlende Handtasche unterschied Grace von einer „Professionellen“, da sie ihr Geld und ihren Ausweis immer in ihren BH steckte. Grace schien das alles nicht zu jucken. Sie war überglücklich, an der Copa zu sein. Wir quatschen ein wenig. Ich machte ihr ein paar Komplimente und sagte ihr, wo es hinging.

   Auf dem Weg ins Restaurant bemerkte ich die ständigen Blicke der vorbeigehenden Männerwelt. Es war eindeutig – Grace wurde als Nutte betrachtet und ich als ihr Freier. Ein saublödes Gefühl. Ich sprach Grace darauf an, aber die winkte nur ab: „Iiih Lemi, mach dir keine Sorgen. Was gehen mich die anderen an?“  

   Beim Eintritt ins Restaurant das gleiche Bild. Die Kellner starrten allesamt auf Graces voluminöses Hinterteil. Die Gäste wunderten sich, dass plötzlich eine Schwarze im Restaurant war. Dem Stil des Restaurants nach schien das nicht unbedingt üblich zu sein, aber ich sagte mir: „Was soll’s ... soll ich jetzt, nur weil Grace schwarz ist, mit ihr in eine Favela-Bar gehen?“

   Das Restaurant hatte eine reichlich gefüllte Salatbar, an der Grace nur argwöhnisch vorbeilief. Ihren ersten Stopp legte sie ein, als sie Pommes, Reis und ein paar ölige Teigtaschen sah. Ich nahm mir etwas vom Salat und den Meeresfrüchten. Als wir wieder am Tisch saßen, guckte Grace mit genauso verzogener Miene zu meinem Teller wie ich zu ihrem. „Lemi, wir brauchen Energie! ENERGIE!!! Heute wird die ganze Nacht getanzt. Also ENERGIE!!! Und keinen Salatscheiß ...“

   Graces laute Stimme ließ die Nachbartische aufhorchen. Den Kellner, der mit einer Flasche teuren Wein am Tisch erschien, schickte sie wieder weg und orderte Bier. Ich war ehrlich gesagt froh, denn auf große Rechnungen war ich nicht gerade vorbereitet. Grace war in dieser Hinsicht pflegeleicht. Sie liebte es, sich unters Fußvolk zu mischen und einfach nur zu feiern. Klar fand sie es schick, in ein nobles Restaurant zu gehen, aber wohl mehr, um am nächsten Tag vor ihren Freundinnen damit zu prahlen, als dass sie es wirklich mochte. Grace bemängelte die fehlende Musik im Restaurant. Einen Fernseher zum Novelaglotzen gab es auch nicht. Der Aufenthalt im „Siqueira Grill“ war deshalb nach nur 48 Minuten (stand auf der Rechnung) beendet. Grace machte den abschließenden Gang zur Toilette und zum Ausgang des Restaurants für die anwesende Männerwelt zum Spektakel. Wie sie mit stolzem Gang und erhobenen Hauptes zwischen den Tischen entlangging und dann die Treppe zum Ausgang herunterkam, ließ jedes Männerherz höher schlagen.

Als wir aus dem klimatisierten Restaurant wieder in die warme Dunstglocke der Copacabana kamen, machte ich Grace nochmals auf die männlichen (und teilweise auch weiblichen) Augenpaare aufmerksam, die sie ständig verfolgten. Dabei rutschte mir ganz unbewusst eine Bemerkung raus: „Grace, wenn du es darauf anlegen würdest, könntest du heute hier in dieser Nacht deine gesamten Schulden von 1000 R$ tilgen!“

   Zum Glück lachte Grace nur lauthals über meine anrüchige Bemerkung, anstatt mich runterzuputzen. Wie schon gesagt, sie war einfach super drauf.

   In ihren hochhackigen Schuhen stolzierte sie jetzt wie ein Gockel mit mir an der Seite bis zum Miramar-Hotel. Wir lachten über die Idioten, die sie als Hure zu identifizieren versuchten. Als wir an einem mobilen Popcorn-Wagen mit Musik vorbeikamen, fing Grace plötzlich an Samba zu tanzen. Und wie! Mir blieb echt die Spuke weg. Ihre Spontaneität war genial und in wenigen Sekunden bildete sich eine Traube aus Touristen um die Popcorn-Bude. Grace tanzte nun noch wilder. Sie liebte Publikum. Als sie endlich mit ihrer Gala fertig war, klatschen die Touris Beifall. Schade, dass sie keinen Hut zum Geldeinsammeln dabeihatte. Sicherlich hätte es für die Caipirinha auf der Dachterrasse des Miramar-Hotels gereicht ...

   Das Miramar bestätigte wieder einmal alle meine Vorurteile. Doch diesmal nicht nur wegen des typischen Verhaltens gegenüber Ausländern, sondern auch gegenüber den eigenen Landsleuten mit einer für diesen Platz untypischen Hautfarbe.

   Ich ging, mit Grace an meiner Seite, durch die gläserne Eingangstür des Hotels. Den als Pagen verkleideten Eingangswächter grüßte ich freundlich auf Englisch. Grace sagte gar nichts, sondern trabte mir einfach nur hinterher. Als ich an der Rezeption vorbeizog, kam mir sofort ein Bediensteter des Hotels hinterhergeeilt und fragte, wie üblich, nach meiner Zimmernummer. Ich sagte ihm, wiederum auf Englisch, dass ich aufs Dach etwas trinken gehen wolle. Dass ich seine Frage nicht beantwortet hatte, war ihm wie immer egal, da Gringos vertrauenswürdig sind und er einer längeren Konversation in Englisch lieber aus dem Weg ging. Wohl etwas zu spät bemerkte er die schwarze Dame an meiner Seite. Was dies für seine nun zum arbeiten einsetzenden Gehirnwindungen bedeutete, war mir von vornherein klar:

 

Gringo + Schwarze im Minikleid + Aufzug ... Die beiden konnten nur zum Vögeln ins Zimmer gehen!

 

Und dafür war ein kräftiger Aufschlag auf den üblichen Zimmerpreis fällig! Also sprintete er mir hinterher, um die unbeantwortete Frage nach der Zimmernummer noch einmal zu stellen und sie diesmal auch beantwortet zu bekommen. Doch Lemi war schneller. Der Hotelangestellte drückte sich nur seine Nase an der Fahrstuhltür platt. Lemi und Grace waren unterdessen schon unterwegs in den 15. Stock. Als wir aus dem Fahrstuhl ausstiegen, ging es über einen kurzen Treppenaufgang (mit Teppich) zur Freiluftbar. Grace rannte sofort zur Terrasse heraus und ließ ein „Meeeuuu Deeeuuus – que liiiinnnndoooo“ raus. Allein diese Freude zu sehen, hatte den Ausflug schon lohnenswert gemacht.

 

Doch dann kam, was kommen musste.

 

   Der Kellner kam ganz dezent zu mir. Anstatt mich nach meinen Wünschen zu fragen, wiederholte er die Frage des Portiers nach meiner Zimmernummer. Ich sagte ihm, dass ihn das nichts anginge, da ich nicht anschreiben ließe, sondern bar bezahlte. Er wiederum zeigte auf meine Dame ... „Es geht um sie. Sie ist nicht registriert hier. Wir brauchen deine Zimmernummer.“

   Ich schaute jetzt etwas böse direkt in die Augen des Kellners: „Ich habe kein Zimmer hier und als was bitte sollte meine Frau denn hier registriert werden???“

   Der Kellner versank vor Scham in den Boden. Er fand keine Worte mehr. Mein Blick aber verfinsterte sich noch mehr und ich bat ihn ziemlich unhöflich, endlich seinem Job nachzugehen und uns zwei Caipirinhas zu mixen.

   Ich schaute ihm nach und sah, wie er mit dem Portier telefonierte. Anschließend mixte er unsere Caipis und brachte sie uns mit dem diskreten Hinweis, dass man für das Missgeschick vielmals um Entschuldigung bitte und die Caipirinhas als Geschenk des Hauses betrachtet werden sollten. Zusätzlich gab’s noch ein Schälchen gerösteter Erdnüsse. Ich sagte dem Kellner: „Vergiss es! Ich wusste von vornherein, dass dies passieren würde.“ Er wurde zum zweiten Mal rot vor Pein und verschwand von unserem Tisch.

   Grace juckte das alles nicht im Geringsten. Sie fühlte sich sauwohl, denn sie war ausschließlich von Gringos umgeben, sozusagen ihr bevorzugtes Jagdterrain. Und tatsächlich hörte man von den Nachbartischen nur Spanisch, Englisch und Deutsch. Wir waren die einzigen „Brasilianer“ in der Miramar-Bar. Nach einer Weile rief ihr Italiener an. Grace erzählte ihm, wo sie sich gerade befand. Sie fing an zu schwärmen. Sie verlor kein Wort über ihre Begleitung namens Lemi. Zum Schluss gab’s wohl noch eine kleine Verwarnung in Sachen Treue, aber Grace winkte nur ab und sagte mir anschließend, dass der Italiener schon besoffen und sie nach der Caipirinha reif für die Vila Isabel sei. Ich fand die Idee prima, denn zwei Stunden mondänes und dekadentes Ambiente reichten mir aus, um mich endlich wieder unters Volk mischen zu wollen. Während der Autofahrt zur Vila Isabel, die circa 30 Minuten andauerte, rief Grace mindestens fünf Freundinnen an und erzählte mit eitler Stimme, dass sie gerade an der Copacabana zum Abendessen eingeladen gewesen wäre und anschließend noch in einer schicken Bar eines 5-Sterne-Hotels war (was natürlich eine Lüge war ... aber wer lügt nicht schon gerne mal!?). Offenbar hatte die Copacabana unter den Einheimischen der Unterschicht ihren besonderen Reiz noch nicht vollständig verloren. Ich selber hatte nur einen Punkt auf meiner Liste abgehakt – einen Punkt, den ich auch getrost hätte weglassen können –, aber alleine schon, Graces Starallüren zu befriedigen, war die Sache wert gewesen.

 

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Fotos und Texte copyright by Matthias Bergmann